Unreimzeilen eines Schreiberlings

War da nicht ein Licht im Raum?
Als stetig in der alten Weise
die Seiten eines Schreibers Traum,
gestört von Schritten, langsam, leise,
wieder aufgeschlagen wurden.

Soll der Rabe doch gesessen haben,
der Fink den Frosch vergessen haben –
Ein Raum gefüllt mit vielen Büchern
bleibt dennoch wie die kalte Halle.
War da schon ein Licht im Raum,
oder kam es aus den Gängen?

Die Türe auf, der Schlüssel fehlt.
Ein Schiff in den Wellen, von Zeit entseelt.
Es bleibt wie in der kalten Halle
in der ein Schritt der nächste ist,
der Gehende sich selbst vergisst.
Schlösser ohne Schlüssel schließen,
für Blumen, die sich selber gießen.

Nein Danke sagt die Superminderheit

Offener Brief und Kommentar zur ARD-Themenwoche „Toleranz“.

Liebe ARD*,
Liebe Initiator_innen* der ARD-Themenwoche „Toleranz“

eigentlich wäre hier und jetzt Ort und Zeit mich zu bedanken. Ich sollte wohl „Danke“ sagen – weil ihr zu einer „intensiven Diskussion anregen und zum Nachdenken über eigene Haltungen und Vorurteile“1 verhelfen wollt. Ich sollte mich auch bedanken weil ihr keine Kosten und Mühen scheut darauf hinzuweisen was es mit dem Ausländer an sich, den Schwulen an sich und dem Moslem an sich so auf sich hat. Es ist sicher prima sich einem Diskurs über Randgruppen und aktuelle Problemfragen auszusetzen, denn eine Lösung zu finden – einen artgerechten Umgang zu finden – ist bestimmt nicht leicht für die gebeutelte Leitkultur. Immer ist sie gezwungen sich neuen Wertvorstellungen auszusetzen, sich selbst zu hinterfragen, ihre Mitte zu definieren ohne in Extreme abzurutschen. Das muss ganz schön schwer sein.

Insbesondere meine gesellschaftliche Position nötigt mich wohl dazu mich über euer Engagement, eure Gutherzigkeit und Toleranz zu bedanken. Ich bin eine Superminderheit. Ich bin bisexuell, habe zwei Staatsangehörigkeiten, bin sowohl Moslem als auch Katholik, ernähre mich vegetarisch und habe zudem noch lange, gefilzte Haare. Trotz all dieser Dispositionen fühle ich mich von euch gut und angemessen behandelt. Ich darf unter euch gebildet werden, darf mit euch zusammen arbeiten, darf in eurem Land leben, lieben und schlafen mit wem oder was ich will. Ich darf mich anziehen wie es mir gefällt, darf wohnen wo es mir gefällt, darf Mietverträge abschließen. Wo wären wir bloß ohne eure Toleranz?

Ich habe bevor ich diesen Text verfasst habe (ich kann tatsächlich eloquent deutsch sprechen und schreiben) nicht nur eure bewusst provokant gestalteten Poster betrachtet (ich gehe später genauer auf die Komposition ein), sondern auch einen Blick in euer vielseitiges Programm2 geworfen. Es ist schön zu sehen, dass ihr die Elite von uns Minderheiten zum Dialog einladet, es ist toll dass ihr uns nach unserer Meinung fragt. Immerhin können diejenigen von uns „die es geschafft haben“ uns Anderen ein Vorbild sein. So kann der Eliteausländer, pardon ich meine den erfolgreichen Bielefelder Comedian mit marokkanischen Wurzeln, Abdelkarim Zemhoute, über seinen Begriff von Toleranz sprechen. Er riskierte sogar seine „Street-Credibility“, nur um einem schwulen Pärchen beim Entsorgen des Weihnachtsbaumes zu helfen.3 Minderheit toleriert Minderheit. Horizontale Toleranz nennt man das. Wundervoll wie gut das in Deutschland funktioniert. Aber nicht nur horizontale, auch vertikale Toleranz bringt ihr auf den Punkt. In der Sendungsankündigung des Hessischen Rundfunks4 zur Diskussion mit Matthias Matussek und Ellen Ueberschär gelingt es euch auch noch zusätzlich die Frage nach der Toleranz der Mehrheit gegenüber der Minderheit zu prüfen.

„Es gibt im Alltag kaum eine Situation, die nicht unsere Toleranz erfordert. Der Tag könnte so schön beginnen, wenn nicht der Nachbar laut auf dem Balkon telefonieren würde. Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt? Und mit welcher Beharrlichkeit die muslimische Kollegin den Betrieb in der Kantine lahmlegt, weil sie unbedingt wissen muss, ob in dem Essen auch wirklich kein Schweinefett enthalten ist. Kurzum: Es bedarf schon einer gehörigen Portion Toleranz, um den Alltag zu überstehen!“5

Fast möchte man JA! JA! JA! schreien, es laut herausschreien, freudig, beglückt – nicht etwa wegen des expliziten Inhaltes – sondern mehr noch weil der „hr“ offenbar das einzige journalistische Medium zu sein scheint, welches sich darauf versteht „gängige journalistische Praktiken“6 zur Darstellung von Fragestellungen und Diskussionen zu nutzen. Die implizite Aussage des Textes, so scheint mir, ist nur subversiv zu verstehen. Es ist nicht der Aufruf zur Reflexion eigener Positionen, es ist ein Hinweis auf all jene Sonderbarkeiten die Minderheiten von der Leitkultur unterscheiden. Es wird definiert was normal ist, und was nicht. Dem Deutschen an sich ist es nämlich egal ob im Essen Schweinefleisch enthalten ist. Es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Aber der Deutsche an sich streitet nicht, er ist gutmütig. Er toleriert sogar das schwule Pärchen in ihrer Absonderlichkeit, lässt sie knutschen wo sie wollen, auch in der U-Bahn, auch vor den eigenen Kindern. Er selbst ist nicht schwul, seine Eltern auch nicht, seine Kinder schon gar nicht. Danke also dafür. Ich weiss ihr beim „hr“ seid nicht kritikresistent, ihr wollt nur zum Diskurs anregen.

Wie verhält es sich also mit den Plakaten zur Themenwoche?
Plakat 1: Es ist eine männliche Person porträtiert, sie hat Unregelmäßigkeiten im Gesicht, vermutlich sind es Narben. Die Person hat eine dunkle Hautfarbe. Oberhalb des Porträts ist Text abgebildet: „Belastung oder Bereicherung?“. Ich assoziiere: „Kriminelle Ausländer abschieben!“ Denn ein Schwarzer kann kein Deutscher sein, sonst wäre er nicht schwarz. Außerdem schaut er traurig und hat Narben im Gesicht. Vermutlich ein Asylbewerber. Also Belastung. Er wird hergekommen sein um hier zu leben, um hier zu arbeiten, dem Deutschen an sich wird Wohnraum und Arbeitsplatz automatisch genommen. Aber er könnte vielleicht auch eine Bereicherung sein? Vielleicht ist er ja sogar gebildet, kennt sich mit Buchhaltung oder sowas aus, vielleicht möchte er ein Restaurant aufmachen – Der Deutsche an sich mag Enterpreneure, Männer die ihr Leben in die Hand nehmen. Und so ein afrikanisches Restaurant ist toll, exotisch, ein bischen wie Urlaub. Oder er kann Musik machen, dann kann er auch bleiben. Alle Afrikaner können gut trommeln. Hab ich gehört.
Plakat 2: Es sind zwei Männer im Profil abgebildet, in freier Natur. Der eine Mann küsst dem Anderen auf die Stirn. Sind es Brüder? Aber nein! Dieses Plakat ziert der Spruch „Normal oder nicht normal?“ Es sind schwule Männer die sich in aller Öffentlichkeit liebkosen. Ja, ist das nun normal oder nicht? Wann eigentlich haben diese Männer beschlossen schwul zu sein, und warum? Warum sollte man das beschließen? Nicht normal. Und trotzdem – man ist ja tolerant, solange sie den Deutschen an sich nicht angaffen oder anmachen kann man ja nichts sagen.
Plakat 3: Ein schreiendes Kind. Es ist vermutlich weiblich, es hat helle Haut. „Nervensäge oder Zukunft?“ Es soll also diskutiert werden ob dieses Kind einfach schreien soll, oder euch allen den Arsch retten soll? Oder aber – so eine andere mögliche Perspektive – es geht viel mehr darum, dass es sich um ein Mädchen handelt. Haben Mädchen trotzig zu sein und zu schreien? Dürfen sie auffällig sein? Und was ist, wenn sie erwachsen sind? Wird dann aus dem schreienden Mädchen eine emanzipierte, selbstständige Person, eine Frau* die sich der hegemonialen Männlichkeit zur Wehr setzt? Also eine Diskussion um die Rolle der Frau* und die Erziehung von Mädchen*? Hier soll also eine Diskussion wieder so geführt werden wie es in den Fünfzigerjahren getan wurde?
Plakat 4: Eine Person, offenbar männlich und zwischen Zwanzig und Vierzig. Sie sitzt im Rollstuhl. „Außenseiter oder Freund?“ heißt es in zugehörigem Textbereich. Es handelt sich also um einen Behinderten. Inklusion kommt mir da spontan – wie weit kann man Behinderte zu Normalen eingliedern? Oder sollten die fur sich sein?

Entschuldigung, geht’s noch? Nicht nur dass hier Ressentiments aufgegriffen und vertieft werden, nicht nur dass definiert wird wem gegenüber man tolerant sein sollte, es wird auch definiert was eigentlich erstrebenswert, was eigentlich normal ist, was Leitkultur, was Deutsch ist. Der Deutsche ist auch 2014 noch stark, weiss, heterosexuell und männlich. Fast hätte ich das vergessen.

Liebe ARD: Das Problem ist nicht dass ihr provoziert, das Problem ist dass ihr verblendet seid, euch für Teil einer Mehrheit haltet die es nur gibt, weil ihr eine agressive Leitkultur definiert. Dieser kann ich wegen o.g. Dispositionen niemals zugehörig sein – ich werde immer auf eure Toleranz hoffen oder sie fordern müssen – um mich am Ende über angeregte Diskurse und kleine Schritte zu bedanken. Doch darauf kann ich verzichten, ich brauche eure Toleranz nicht.

Ich erkläre hiermt stolz: Ich bin aus ganzem Herzen intolerant. „Nein Danke!“ sagt die Superminderheit.

P.S.: Ich bin Mensch und genieße als solcher die unveräußerlichen Menschenrechte, verbrieft durch die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Desweiteren habe ich auch als Staatsbürger* der BRD die im Grundgesetz festgehaltenen und unveräußerlichen Rechte. Wozu also Toleranz? Inakzeptanz ist gegen geltendes Recht und strafbar.

  1. Schmidt, Hans-Martin; „Stellungnahme zu Kritik an Plakatmotiven“ [zurück]
  2. http://www.ard.de/home/themenwoche/Startseite_ARD_Themenwoche_2014_Toleranz/1095226/index.html [zurück]
  3. http://www.ard.de/home/themenwoche/Interview_mit_Abdelkarim_Zemhoute/1405312/index.html [zurück]
  4. http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=54283&key=standard_document_53265623&xtmc=homosexualit%FDt&type=d&xtcr=2 [zurück]
  5. „Der Tanz um die Toleranz“: Beitrag von hr-online zur ARD-Themenwoche; http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=54283&key=standard_document_53265623&xtmc=homosexualit%FDt&type=d&xtcr=2 [zurück]
  6. „Der Tanz um die Toleranz“, Update vom 11. November; ebd. [zurück]

Warum

Warum
sind Katzen
Katzen?
Warum eigentlich
sind Katzen
nicht blau?

Was wäre
wenn es diese
Eine
diese eine Katze,
auf der Welt
gebe

Hätte sie dann
blaues Fell
mit glänzend
leuchtend grünen
Punkten?
oder nicht?

Müssten dann
auf jeden Fall
nicht alle Katzen
bis zu ihren Tatzen
blau mit grünen Punkten
sein?

Aber wie
wie wäre es
für dieses einzig arme Vieh
Alle dächten
Iih
so ganz Alleine hier?

Was
würde dieses
sicher einsame
Tier
dann tun?
solo for ever

Tränke es dann
sehr viel Bier?
oder garkeins?
Denn welche Katze
trinkt schon Bier?
lächerlich.

Was wäre wenn
es diese Katze gebe
und sie wäre cool
was würdest du
also
was würdest du tun?

Was wäre wenn
dieses eine Vieh
einfach behaupten würde
alle
Katzen
seien
blau?

Ich
fänd
das
schon
ziemlich
schräg

Aber was
wäre wenn
viele Katzen
diesen einen
blauen Tatzen
trauten?

Wenn alle Andren
Katzen
zu den leuchtend blauen
Tatzen
aufschauten?
Bunte Katzen verhauten?

Wären dann
Urplötzlich
und heftig
alle
Katzen
blau?

Nö.

Warum?
weil dann
Farben
keine Nuancen
bunte Tatzen keine Chancen
hätten

(Was ja auch so ist)

Warum
frag ich
mich
warum denn nicht
die vielen bunten Katzen
gen blauer Katze stecken

Warum
können sie nicht
Alle
endlich checken
dass Farben
im Kopf beginnen?

Warum
sagt die bunte Katze
sind Katzen
nicht einfach
endlich
einfach

Katzen.

Wäre das nicht wirklich schlau?
Wäre das nicht ein Komet?
Wäre Sorbet dann noch ein Reim auf Komet?

IndiviDumm!

Auf der Straße gehst du unsichtbar, fühlst dich hier Zuhause, alles wunderbar. Du bist hier du bist da man sagt „immer nah“ – akzeptiert, saturiert, bla bla bla. Hast du dich gefragt wie du hier gelandet bist? Hast du dich gefragt warum du jeden Tag die Scheiße frisst? Man sagt immerzu dass es doch notwendig ist, dass man eben jeden Tag die gleiche Scheiße frisst. Sollst nicht abkotzen, sonst stehst du ganz schnell alleine da – und wenn du dich dann doch bewegst sagt dir dein Kopf „tatütata“. Es ist die Feuerwehr, mit ihrem Gewehr. Entweder schützt sie dich oder spießt dich auf mit ihrem Speer.

Du bist hier, du bist dort, fort am selben Ort. Sitzt du in einem Boot? Ist deine Seele tot? Du sollst fließen, dann kann die Gesellschaft sprießen. Sie kann wachsen, sich an sich selber laben, denn das was sie will konnte sie schon immer haben. Dein Gesicht – ist völlig vernarbt und indess wurde kurzerhand dir deine Seele ausgescharbt. Du bist nicht, nein du hast ein Gesicht, sag mir was du anziehst, sag mir dein Gewicht.

Ich bin die Gesellschaft will dich ganz für mich, einer unter vielen, das sind du und ich. Dann können wir tanzen gehn und Mutproben bestehn, können auf dem Parkett unsere Füße hüpfen sehn. Dabei machen wir mit, wir halten jetzt Schritt. Denn wir sind das Umfeld, wir halten uns fit. Jetzt sind wir die Gesellschaft, Keiner unter Keinen, Beine unter Beinen, Schweine unter Schweinen. Und wenn du stets tust, was wir für richtig halten, und zulässt dass wir dich für dich verwalten – an der Leine halten – dir deine Freiheit schenken, dann kannst du doch auch aufhören über dich selbst nachzudenken.

Du sollst haben, traben und sein. Am Ende deiner Tage wirst du gut gesattelt sein. Bist du jetzt ein Pferd? Trägst du ein Schwert? Sag mir wann hast du beschlossen, dass du dich entleerst? Liebe – das was du musst. Hasse – die eigene Lust. Ich erlebe nicht, ich analysiere, und reiße dich mit auf dass man dich kategorisiere. Ist das nicht wunderbar? Du bist doch frei! Statt eines Telefonanschlusses kaufst du dir gleich drei. Du hast jede Freiheit dir ein Hobby zu wählen, und wenn du dich danach fühlst ne Minderheit zu quälen. Merkst du nicht, das ist doch ganz famooß! Ich sage dir, ich warne dich bloß: Die Reste deiner Seele zeigen macht dich nicht groß. Das brauchst du nicht, es reicht dein Gesicht – und wehe dir du änderst dich, dann finde ich dich. Siehst du? Sie haben dich erfasst. Es hat dir nicht gereicht, dass du dich selber hasst. Jetzt darfst du wieder tun, was ich von dir verlange, und hahaha ich halte dich an der Stange. Ich knebel dich, und peitsche dich aus – prügel alle Seelenreste aus deinem Körper raus. Jetzt bist du wieder mit uns konform, hab ich nicht gesagt: Halt dich lieber an die Norm?! Du wolltest nicht hören, musstest uns stören, so ist das mit diesen unerzogenen Gören. Jetzt habe ich dich wieder habe dich dran gehindert, dass man die Verletzungen in deiner Seele lindert.

Du willst ausbrechen? Das kannst du gerne haben, doch wenn du neue Schritte gehst dann musst du das auch ertragen: Wir werden dich niemals in Frieden lassen, weil wir deine Andersartigkeit eben hassen.

Das Wellenspiel

Ein Pfiff ging durch die tiefe Nacht,
doch ihr wollt lieber schlafen.
Das Schiff ist sicher im ruhigen Hafen,
auch wenn bei Blitz der Donner lacht.

Denn keiner konnte vorher wissen,
dass Licht auch Blitz erschaffen hat.
Der Warnpfiff hat den Steg zerrissen,
das Schiff schwankt träge, kalt und matt.

Der Maat hält seinen Kopf geneigt
und unter Deck in Gleichmut schweigt
die Apathie der warmen Kalten.
Das Steuer wird von Geiern gehalten.

So treibt das Schiff mit Rückenwind
hinfort zu fernen Küsten.
Auch wenn an Deck schon Wellen sind
lebt ihr mit tödlichen Gelüsten.

Doch wird die Reise nicht ewig sein,
schon bald seid ihr am Ziel.
Das Schiff zerbricht im Wellenspiel -
Was währt seid ihr, und eure Pein.