Alltagswahnsinn

Unreimzeilen eines Schreiberlings

War da nicht ein Licht im Raum?
Als stetig in der alten Weise
die Seiten eines Schreibers Traum,
gestört von Schritten, langsam, leise,
wieder aufgeschlagen wurden.

Soll der Rabe doch gesessen haben,
der Fink den Frosch vergessen haben –
Ein Raum gefüllt mit vielen Büchern
bleibt dennoch wie die kalte Halle.
War da schon ein Licht im Raum,
oder kam es aus den Gängen?

Die Türe auf, der Schlüssel fehlt.
Ein Schiff in den Wellen, von Zeit entseelt.
Es bleibt wie in der kalten Halle
in der ein Schritt der nächste ist,
der Gehende sich selbst vergisst.
Schlösser ohne Schlüssel schließen,
für Blumen, die sich selber gießen.

Nein Danke sagt die Superminderheit

Offener Brief und Kommentar zur ARD-Themenwoche „Toleranz“.

Liebe ARD*,
Liebe Initiator_innen* der ARD-Themenwoche „Toleranz“

eigentlich wäre hier und jetzt Ort und Zeit mich zu bedanken. Ich sollte wohl „Danke“ sagen – weil ihr zu einer „intensiven Diskussion anregen und zum Nachdenken über eigene Haltungen und Vorurteile“1 verhelfen wollt. Ich sollte mich auch bedanken weil ihr keine Kosten und Mühen scheut darauf hinzuweisen was es mit dem Ausländer an sich, den Schwulen an sich und dem Moslem an sich so auf sich hat. Es ist sicher prima sich einem Diskurs über Randgruppen und aktuelle Problemfragen auszusetzen, denn eine Lösung zu finden – einen artgerechten Umgang zu finden – ist bestimmt nicht leicht für die gebeutelte Leitkultur. Immer ist sie gezwungen sich neuen Wertvorstellungen auszusetzen, sich selbst zu hinterfragen, ihre Mitte zu definieren ohne in Extreme abzurutschen. Das muss ganz schön schwer sein.

Insbesondere meine gesellschaftliche Position nötigt mich wohl dazu mich über euer Engagement, eure Gutherzigkeit und Toleranz zu bedanken. Ich bin eine Superminderheit. Ich bin bisexuell, habe zwei Staatsangehörigkeiten, bin sowohl Moslem als auch Katholik, ernähre mich vegetarisch und habe zudem noch lange, gefilzte Haare. Trotz all dieser Dispositionen fühle ich mich von euch gut und angemessen behandelt. Ich darf unter euch gebildet werden, darf mit euch zusammen arbeiten, darf in eurem Land leben, lieben und schlafen mit wem oder was ich will. Ich darf mich anziehen wie es mir gefällt, darf wohnen wo es mir gefällt, darf Mietverträge abschließen. Wo wären wir bloß ohne eure Toleranz?

Ich habe bevor ich diesen Text verfasst habe (ich kann tatsächlich eloquent deutsch sprechen und schreiben) nicht nur eure bewusst provokant gestalteten Poster betrachtet (ich gehe später genauer auf die Komposition ein), sondern auch einen Blick in euer vielseitiges Programm2 geworfen. Es ist schön zu sehen, dass ihr die Elite von uns Minderheiten zum Dialog einladet, es ist toll dass ihr uns nach unserer Meinung fragt. Immerhin können diejenigen von uns „die es geschafft haben“ uns Anderen ein Vorbild sein. So kann der Eliteausländer, pardon ich meine den erfolgreichen Bielefelder Comedian mit marokkanischen Wurzeln, Abdelkarim Zemhoute, über seinen Begriff von Toleranz sprechen. Er riskierte sogar seine „Street-Credibility“, nur um einem schwulen Pärchen beim Entsorgen des Weihnachtsbaumes zu helfen.3 Minderheit toleriert Minderheit. Horizontale Toleranz nennt man das. Wundervoll wie gut das in Deutschland funktioniert. Aber nicht nur horizontale, auch vertikale Toleranz bringt ihr auf den Punkt. In der Sendungsankündigung des Hessischen Rundfunks4 zur Diskussion mit Matthias Matussek und Ellen Ueberschär gelingt es euch auch noch zusätzlich die Frage nach der Toleranz der Mehrheit gegenüber der Minderheit zu prüfen.

„Es gibt im Alltag kaum eine Situation, die nicht unsere Toleranz erfordert. Der Tag könnte so schön beginnen, wenn nicht der Nachbar laut auf dem Balkon telefonieren würde. Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt? Und mit welcher Beharrlichkeit die muslimische Kollegin den Betrieb in der Kantine lahmlegt, weil sie unbedingt wissen muss, ob in dem Essen auch wirklich kein Schweinefett enthalten ist. Kurzum: Es bedarf schon einer gehörigen Portion Toleranz, um den Alltag zu überstehen!“5

Fast möchte man JA! JA! JA! schreien, es laut herausschreien, freudig, beglückt – nicht etwa wegen des expliziten Inhaltes – sondern mehr noch weil der „hr“ offenbar das einzige journalistische Medium zu sein scheint, welches sich darauf versteht „gängige journalistische Praktiken“6 zur Darstellung von Fragestellungen und Diskussionen zu nutzen. Die implizite Aussage des Textes, so scheint mir, ist nur subversiv zu verstehen. Es ist nicht der Aufruf zur Reflexion eigener Positionen, es ist ein Hinweis auf all jene Sonderbarkeiten die Minderheiten von der Leitkultur unterscheiden. Es wird definiert was normal ist, und was nicht. Dem Deutschen an sich ist es nämlich egal ob im Essen Schweinefleisch enthalten ist. Es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Aber der Deutsche an sich streitet nicht, er ist gutmütig. Er toleriert sogar das schwule Pärchen in ihrer Absonderlichkeit, lässt sie knutschen wo sie wollen, auch in der U-Bahn, auch vor den eigenen Kindern. Er selbst ist nicht schwul, seine Eltern auch nicht, seine Kinder schon gar nicht. Danke also dafür. Ich weiss ihr beim „hr“ seid nicht kritikresistent, ihr wollt nur zum Diskurs anregen.

Wie verhält es sich also mit den Plakaten zur Themenwoche?
Plakat 1: Es ist eine männliche Person porträtiert, sie hat Unregelmäßigkeiten im Gesicht, vermutlich sind es Narben. Die Person hat eine dunkle Hautfarbe. Oberhalb des Porträts ist Text abgebildet: „Belastung oder Bereicherung?“. Ich assoziiere: „Kriminelle Ausländer abschieben!“ Denn ein Schwarzer kann kein Deutscher sein, sonst wäre er nicht schwarz. Außerdem schaut er traurig und hat Narben im Gesicht. Vermutlich ein Asylbewerber. Also Belastung. Er wird hergekommen sein um hier zu leben, um hier zu arbeiten, dem Deutschen an sich wird Wohnraum und Arbeitsplatz automatisch genommen. Aber er könnte vielleicht auch eine Bereicherung sein? Vielleicht ist er ja sogar gebildet, kennt sich mit Buchhaltung oder sowas aus, vielleicht möchte er ein Restaurant aufmachen – Der Deutsche an sich mag Enterpreneure, Männer die ihr Leben in die Hand nehmen. Und so ein afrikanisches Restaurant ist toll, exotisch, ein bischen wie Urlaub. Oder er kann Musik machen, dann kann er auch bleiben. Alle Afrikaner können gut trommeln. Hab ich gehört.
Plakat 2: Es sind zwei Männer im Profil abgebildet, in freier Natur. Der eine Mann küsst dem Anderen auf die Stirn. Sind es Brüder? Aber nein! Dieses Plakat ziert der Spruch „Normal oder nicht normal?“ Es sind schwule Männer die sich in aller Öffentlichkeit liebkosen. Ja, ist das nun normal oder nicht? Wann eigentlich haben diese Männer beschlossen schwul zu sein, und warum? Warum sollte man das beschließen? Nicht normal. Und trotzdem – man ist ja tolerant, solange sie den Deutschen an sich nicht angaffen oder anmachen kann man ja nichts sagen.
Plakat 3: Ein schreiendes Kind. Es ist vermutlich weiblich, es hat helle Haut. „Nervensäge oder Zukunft?“ Es soll also diskutiert werden ob dieses Kind einfach schreien soll, oder euch allen den Arsch retten soll? Oder aber – so eine andere mögliche Perspektive – es geht viel mehr darum, dass es sich um ein Mädchen handelt. Haben Mädchen trotzig zu sein und zu schreien? Dürfen sie auffällig sein? Und was ist, wenn sie erwachsen sind? Wird dann aus dem schreienden Mädchen eine emanzipierte, selbstständige Person, eine Frau* die sich der hegemonialen Männlichkeit zur Wehr setzt? Also eine Diskussion um die Rolle der Frau* und die Erziehung von Mädchen*? Hier soll also eine Diskussion wieder so geführt werden wie es in den Fünfzigerjahren getan wurde?
Plakat 4: Eine Person, offenbar männlich und zwischen Zwanzig und Vierzig. Sie sitzt im Rollstuhl. „Außenseiter oder Freund?“ heißt es in zugehörigem Textbereich. Es handelt sich also um einen Behinderten. Inklusion kommt mir da spontan – wie weit kann man Behinderte zu Normalen eingliedern? Oder sollten die fur sich sein?

Entschuldigung, geht’s noch? Nicht nur dass hier Ressentiments aufgegriffen und vertieft werden, nicht nur dass definiert wird wem gegenüber man tolerant sein sollte, es wird auch definiert was eigentlich erstrebenswert, was eigentlich normal ist, was Leitkultur, was Deutsch ist. Der Deutsche ist auch 2014 noch stark, weiss, heterosexuell und männlich. Fast hätte ich das vergessen.

Liebe ARD: Das Problem ist nicht dass ihr provoziert, das Problem ist dass ihr verblendet seid, euch für Teil einer Mehrheit haltet die es nur gibt, weil ihr eine agressive Leitkultur definiert. Dieser kann ich wegen o.g. Dispositionen niemals zugehörig sein – ich werde immer auf eure Toleranz hoffen oder sie fordern müssen – um mich am Ende über angeregte Diskurse und kleine Schritte zu bedanken. Doch darauf kann ich verzichten, ich brauche eure Toleranz nicht.

Ich erkläre hiermt stolz: Ich bin aus ganzem Herzen intolerant. „Nein Danke!“ sagt die Superminderheit.

P.S.: Ich bin Mensch und genieße als solcher die unveräußerlichen Menschenrechte, verbrieft durch die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Desweiteren habe ich auch als Staatsbürger* der BRD die im Grundgesetz festgehaltenen und unveräußerlichen Rechte. Wozu also Toleranz? Inakzeptanz ist gegen geltendes Recht und strafbar.

  1. Schmidt, Hans-Martin; „Stellungnahme zu Kritik an Plakatmotiven“ [zurück]
  2. http://www.ard.de/home/themenwoche/Startseite_ARD_Themenwoche_2014_Toleranz/1095226/index.html [zurück]
  3. http://www.ard.de/home/themenwoche/Interview_mit_Abdelkarim_Zemhoute/1405312/index.html [zurück]
  4. http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=54283&key=standard_document_53265623&xtmc=homosexualit%FDt&type=d&xtcr=2 [zurück]
  5. „Der Tanz um die Toleranz“: Beitrag von hr-online zur ARD-Themenwoche; http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=54283&key=standard_document_53265623&xtmc=homosexualit%FDt&type=d&xtcr=2 [zurück]
  6. „Der Tanz um die Toleranz“, Update vom 11. November; ebd. [zurück]

Warum

Warum
sind Katzen
Katzen?
Warum eigentlich
sind Katzen
nicht blau?

Was wäre
wenn es diese
Eine
diese eine Katze,
auf der Welt
gebe

Hätte sie dann
blaues Fell
mit glänzend
leuchtend grünen
Punkten?
oder nicht?

Müssten dann
auf jeden Fall
nicht alle Katzen
bis zu ihren Tatzen
blau mit grünen Punkten
sein?

Aber wie
wie wäre es
für dieses einzig arme Vieh
Alle dächten
Iih
so ganz Alleine hier?

Was
würde dieses
sicher einsame
Tier
dann tun?
solo for ever

Tränke es dann
sehr viel Bier?
oder garkeins?
Denn welche Katze
trinkt schon Bier?
lächerlich.

Was wäre wenn
es diese Katze gebe
und sie wäre cool
was würdest du
also
was würdest du tun?

Was wäre wenn
dieses eine Vieh
einfach behaupten würde
alle
Katzen
seien
blau?

Ich
fänd
das
schon
ziemlich
schräg

Aber was
wäre wenn
viele Katzen
diesen einen
blauen Tatzen
trauten?

Wenn alle Andren
Katzen
zu den leuchtend blauen
Tatzen
aufschauten?
Bunte Katzen verhauten?

Wären dann
Urplötzlich
und heftig
alle
Katzen
blau?

Nö.

Warum?
weil dann
Farben
keine Nuancen
bunte Tatzen keine Chancen
hätten

(Was ja auch so ist)

Warum
frag ich
mich
warum denn nicht
die vielen bunten Katzen
gen blauer Katze stecken

Warum
können sie nicht
Alle
endlich checken
dass Farben
im Kopf beginnen?

Warum
sagt die bunte Katze
sind Katzen
nicht einfach
endlich
einfach

Katzen.

Wäre das nicht wirklich schlau?
Wäre das nicht ein Komet?
Wäre Sorbet dann noch ein Reim auf Komet?

Das Leben ein Wettlauf?

Schneller und schneller werden wir. Jeden Tag ein bischen schneller. Wir rennen von A nach B und halten niemals ein. Wer stehen bleibt, der hat verloren. Denn die Welt bewegt sich nun einmal schnell – und wer nicht mitrennt der wird überfahren… oder sowas. Jeder einzelne Mensch muss Ziele haben. Visionen. Was wäre die Welt nur ohne unsere Geschwindigkeit? Da springt einer von der Stratosphäre. Der Sinn ist der „Kick“, das „schnell sein“ das klare Ziel – Was dabei verloren geht fällt nur wenigen auf.

Auf wessen Kosten werden wir schneller? Was legen wir ab, wohin wollen wir damit eigentlich genau? Jeder hat seine Antwort auf die Frage was er will und meist noch eher was er oder sie eben nicht will.

Man stelle sich nur einmal vor alleine irgendwo unterwegs zu sein. In dem Moment, in dem man stehen bleibt, oder sich gar – scheinbar ziellos – auf eine Bank oder ähnliches setzt zieht man – wie magisch – die Blicke anderer an. Denn wer hat schon die Muße sich alleine auf eine Bank zu setzen? Man hat kein Ziel, keine Bestimmung, wenn man einfach so auf einer Bank sitzt. Und schon beginnst du dich unwohl zu fühlen. Du suchst nach einer Rechtfertigung für dein Verhalten, du suchst nach einem Weg, dein „auf der Bank sitzen und nichts tun“ zu legitimieren. Dabei kramst du dein tolles Smartphone heraus und schaust dir irgendwelche Bilder Fremder an, die dich ja eigentlich nicht wirklich interessieren. Eventuell telefonierst du auch, denn auch das dient zur Rechtfertigung. Am Ende sitzt du bestenfalls 20 Minuten auf dieser Bank, bevor du dich wieder weg bewegst. Nur nicht auffallen, nicht als Faul erscheinen.

Und wenn du Morgens aufstehst, frage ich mich, wie fühlst du dich? Was denkst du, wenn du in den Spiegel schaust, wenn du den Kleiderschrank aufmachst? Glaubst du wirklich du bist was besonderes? Du, mit deiner Retrobrille, deinem V-Ausschnitt TeeShirt mit dem Vogel drauf, mit deiner großen Plastik-Armbanduhr und deinem frischen Kurzhaarschnitt? Bist du der Meinung, dass du herrausstichst, wenn du ganz besonders angepasst bist?

Wer du bist ist nicht wichtig, wichtig ist ob du bist. Und heute bist du wenn du mitziehst, wenn du alternativ angepasst durch den Tag gehen kannst.

Herzlichen Glückwunsch!

Ich frage mich: Wo ist die Luft zum Atmen? Wo ist der Tanz im Leben, die innere Melodie?
Wir haben das alles verloren, wie Ballast weggeworfen. Wir haben unsere Freiheit mit Füßen getreten, haben sogar darum gebeten dass man uns die Freiheit nimmt. Und warum? Weil ihr das Rennen liebt! Weil ihr euch messen müsst, um euch selbst zu mögen.

Was wir dabei vergessen ist das Leben. Denn ich für meinen Teil unterscheide zwischen der bloßen Existenz, und einem selbstbestimmten Leben.

Kotzen oder auch Fußball-EuropameisterKrieg

Joachim Ringelnatz sagte einst „Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank.“ Daran merkt man, dass Herr Ringelnatz schon 1934 verstorben ist. Würde er noch leben würde das etwas anders klingen.
Heute ist Anpfiff der EM. Egal ob man es wissen möchte oder nicht, man wird zwangsläufig dieser Tage mit einer Situation konfrontiert, die selbst Hitlers Pläne von Utopia stoltz gemacht hätten.

Mir scheint, als würde der Fußball – ob man denn nun beteiligt ist, selber spielt oder nicht – dafür sorgen, dass Millionen Menschen ihr ohnehin meist sehr unproduktives Gehirn vollständig ausschalten- Zugunsten der Illusion eines Volksbegriffes, dem man nacheifert, dem man sich verpflichtet fühlt. Ein Nationalgedanke in dem nicht mehr so sehr das Individuum zählt, sondern die Masse. Durch drei farbige Streifen versucht man sich etwas zu- und unterzuordnen, dessen Tragweite und Hintergrund den meisten sog. „Fans“ nicht klar ist. Man jubelt seiner „Heimat“ zu, findet es „normal“ mit dem „mitzufiebern“ was uns als „unser“ Land oder „unser“ Verein vorgesetzt wird.
Mir wird jedes Mal, wenn ich die Hintergründe dieses hinrlosen Gegröhle, Biergetrinke und Gefeiere um des Willens von etwas, was man nicht einmal richtig einordnen kann (Denn es ist ja weder der Staat, noch die Mannschaft, die jede Woche ne Änderung hat), hinterfrage, gesagt Ich müsse doch „verstehen“ dass man sich für „sein“ Land, „sein Volk“ und die „nette Mannschaft“ freue.
Wenn ich dann beiläufig erwähne dass mir von solchem dümmlichen Gerede schlecht wird, ernte ich stets Unverständnis. „Du bist doch extrem“ heisst es dann, oder „Das hat doch nichts mit Nazis zu tun!“ Wer sich Intellektuell gibt sagt dann vielleicht noch: „Du missinterpretierst die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Patriotismus, Nationalstoltz und Nationalismus“.

Fußball ist ein Politikum

Ich habe mich oft gefragt, woran genau man sich als sog. „Fußballfan“ während eines Nationalspieles oder eines Vereinsspieles so sehr begeistert, wenn man weder selber mitspielt, noch Freunde mitspielen. Nach dem Motto „Wir sind Papst“ entsteht ein WIR-Gefühl in einer Nation, die aus Millionen Individuen besteht. Schwer nachvollziehbar für den denkenden Menschen scheint auch der Satz „Wir haben gewonnen!“. Denn wer ist „Wir“? Welcher Institution fühlt sich der Biertrinker da gerade zugehörig? Die Faszination, die von einem Länderspiel ausgeht liegt vorallem in der Verbundenheit zwischen Menschen, die eigentlich kein bischen verbunden sind. Plötzlich ist dann „Deutschland“ mehr als nur ein Nationalstaat. Es ist Faszination, Heimat und eine faszinierende Heimatliebe. Im Umkehrschluss ist man aber nicht nur FÜR Deutschland, sondern GEGEN die anderen teilnehmenden Nationalstaaten. Auch wenn viele Fans von sich selbst behaupten sie würden sich ja ach so sehr auch für die anderen Länder freuen, so ist es doch eine andere Freude, ich möchte behaupten, eine falsche Freude.
Auf ein mal sind Bierdosen Schwarz-Rot-Gold, Stofffetzen Schwarz-Rot-Gold, und selbst Gesichter tragen diese Farbkombination. Alles ist Schwarz-Rot-Gold.
Ich persönlich frage mich während einer solchen Phase der krankhaften und bedingungslosen Solidarität und Heimatliebe, warum und worin sich diese Millionen Menschen verbunden fühlen. Oder andersherum, was macht aus einem Individuum plötzlich Masse? Alle sind plötzlich irgendwie gleich, zwar weder sozial, noch religiös, noch finanziell, aber irgendwie sind ja dann alle gleich. Man ist „gleich“ mit all den Menschen von denen man im „Normalfall“ abfällig reden würde, über die man lästert, die man meidet und verachtet. Vorallem aber weiss man wieder wer der Feind ist. Denn Feind ist der Gegner, also ein anderer Nationalstaat, aber auch Menschen die sich ungern in einen Massenwahnsinn hineinsteigern. Aber Fußball ist ja nicht der „Normalfall“, und wer das ganze hinterfragt und in Frage stellt ist radikal und extrem.

Der Mythos „Warusschlacht“
„Deutschland ist ja so international, der zweite Weltkrieg so lange her und mit Rassismus und Nationalismus haben wir doch schon lange nix mehr zu tun.“ So oder so ähnlich klingt die Argumentation des Großteils der gutbürgerlichen, pflichtbewussten und anständigen Deutschen heutzutage. Was sich dahinter verbirgt ist die Verdrängung der Tatsache dass es genau andersherum ist. Noch kürzlich hat die Polizei die sog. „Zwickauer Terrorzelle“ ausfindig gemacht, die für zahlreiche Morde an Ausländern und Linken verantwortlich ist. Ich möchte keinesfalls behaupten, dass das die Regel in Deutschland ist, jedoch lediglich darauf hinweisen, dass der Nährboden für ein solches Menschenverachtendes Verhalten in Deutschland durchaus noch frisch ist. Längst identifizieren sich vielerorts Menschen wieder mit ihrer Nationalfahne, denn man müsse ja „Flagge zeigen“.
Das deutsche Nationalbewusstsein hat sich längst erholt, schon lange fühlt man sich mit „seiner“ Nation verbunden, und fragt sich nicht länger, warum man eigentlich ein Objektpronomen verwendet wenn von einem wirtschaftspolitischen Gefüge wie einem Nationalstaat die Rede ist.
Man kann ja wieder stoltz sein auf „sein“ Land. Es ist Waffenexport-Europameister, mischt in allen Kriegsgebieten tüchtig mit und ist überhaupt ganz toll und stark, und vieeel besser als alle anderen. Und wer was anderes sagt und denkt soll doch bitte auswandern, in ein Land, dass einem besser gefällt. So war das schonmal in diesem Land, nur damals wurden Menschen, die sich der Masse nicht anpassten oder nicht hineinpassten eben „ausgewandert“, und zwar in ein KZ, dass nach Meinung derer, die in diesem Land das Sagen hatten, passender gewesen sei.

Dieses Land, das Land der Warusschlacht, erlebt seinen neuen Frühling. Doch dieses Mal ist alles anders, und viel besser, denn dieses Mal sind wir ja keine Nazis, wir sind bloß Ethnopluralisten.

„Der Schoß ist noch fruchtbar aus dem dies kroch!“
Ich muss KOTZEN wenn ich daran denke was in den nächsten Wochen wieder auf mich, und alle die die Situation so sehen wie ich, zukommt. Ein weiterer Rechtsruck der gesellschaftlichen „Mitte“, eine weitere Mythisierung einer Nation die aus Millionen absolut unterschiedlichen Menschen besteht und die weder sozial noch räumlich auch nur die geringsten Gemeinsamkeiten haben.
Ich muss KOTZEN bei dem Gedanken, was für einen unglaublichen Umsatz die Wirtschaft und hierbei vorallem Biervertreiber an diesem Großevent machen, muss KOTZEN, bei dem Gedanken daran dass sich zwei Länder im Kampf gegenüberstehen wie Feinde – MUSS KOTZEN WENN ICH SEHE WIE DIESE GOTTVERDAMMTEN NAZISCHWEINE PLÖTZLICH DIE MEHRHEIT SIND UND THYSSEN-KRUPPs WAFFENINDUSTRIE NOCH WEITER AUSGEBAUT WIRD.

Schließen möchte ich diesen Artikel mit einem schönen Zitat von Mister Oscar Wilde:
„Fußball mag ein durchaus passendes Spiel für harte Mädchen sein, als Spiel für feinsinnige Knaben ist er wohl kaum geeignet.“